Ulrike Sanne - Malerei
Rede zur Ausstellungseröffnung am Sonntag, den 3. Dezember 2000
CJD Bonn - Internationales Jugendforum, Graurheindorfer Str. 149,
53117 Bonn
Pamela Almut Fremerey, M.A., Kunsthistorikerin
[...]
Ulrike Sanne wurde 1969 in Koblenz geboren, hat von 1990 bis 1992 an der
Universität Marburg Kunstgeschichte, Italienisch, Grafik und Malerei
studiert und wechselte im gleichen Jahr an die Rhein-Sieg-Kunstakademie in
Hennef, an der sie bis 1993 studierte. Das folgende Jahr war geprägt von
der Ausstellungsbeteiligung in einer Bonner Galerie und der Gründung einer
Künstlergruppe. Schon bald jedoch zog sie es vor, alleine zu arbeiten und
bildet sich seither autodidaktisch weiter. Heute lebt sie als freie Malerin in
Bremen.
Die norddeutsche Landschaft und Lebensart hat die Bilderwelt der
Künstlerin deutlich geprägt. Besonders gut ist das zu sehen auf dem
Bild
Strandspaziergang
. Vorlage für dieses Bild ist eine Fotografie, von der sie sich im Atelier
an der Leinwand inspirieren ließ. Damit steht sie auf ihre Weise in der
Tradition des romantischen Landschaftsmalers Caspar David Friedrich, der
draußen in der Natur Skizzen anfertigte, aus denen er im Atelier seine
sogenannten Seelen-Landschaften zusammensetzte. Auch für Ulrike Sanne ist
die Skizze, in diesem Fall ein Foto, Ausgangspunkt für das Bild, das sie
an der Staffelei vollendet.
Der
Strandspaziergang
ist klar in verschiedene Bereiche aufgeteilt: Im Bild, das beherrscht ist vom
aufgewühlten Himmel, peitscht der Sturm das Wasser, wirbelt die Wolken
umher und bläht die Segel der Boote am Horizont. Der Vordergrund zeigt
drei Menschen, deren Schatten auf den Sand fallen.
Die Dynamik dieses Bildes entsteht aus dem Motiv wie auch durch die Technik,
mit der die Künstlerin arbeitet. Die Acrylfarben trägt sie nicht mit
dem Pinsel auf, sondern sie formt sie geradezu mit Spachtel und Fingern. Sturm,
Gischt und Küstenlandschaft bringt sie mit dem kraftvollen Schwung des
Spachtels und ihrem unmittelbaren Körpereinsatz in lebhafter Weise auf die
Leinwand. So energisch trägt sie die Farbe auf, dass die Spuren ihrer
Werkzeuge sichtbar bleiben.
Ihr künstlerischer Ausdruck, ihr Duktus, wandelt sich mit dem Eindruck,
den das Motiv ihr einprägt. Ein Sturm regt sie an zu heftigen
Farbbewegungen, ein ruhender Akt zur zärtlichen Pinselführung.
Besonders deutlich wird das, wenn man die Aquarelle und die Acrylarbeiten
vergleichend betrachtet.
Von der Landschaftsmalerei nun zu einer Stadtansicht, dem Bild
Der weite Blick
aus dem Jahr 1998.
Wir sehen eine Teilansicht von Bremen, den Blick aus ihrer Wohnung. Zuerst
fällt das lange Querformat auf, das die Aufteilung in waagerechte
Bildbereiche - Stadt und Himmel - betont. Der Himmel lastet dunkel, leuchtend
blau über der Stadt, die sich darunter in einer hellen Häuservielfalt
erhebt. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast grenzt die Bildflächen farblich
und inhaltlich voneinander ab. Die senkrecht aufragende Hauswand am linken
Bildrand verbindet die Bildelemente wieder und schließt die Ansicht nach
links ab. Die anderen Ränder bleiben offen und geben dem Bild den
Charakter eines Ausschnittes.
Es handelt sich nicht um eine topographisch genaue Stadtansicht, und es geht
der Malerin auch nicht um eine wirklichkeitsgetreue Darstellung. Vielmehr gilt
es, mit den Mitteln der Farbe und des Farbauftrags das Gesehene zu abstrahieren
und eine bestimmte Atmosphäre, Stimmung oder ein Gefühl auf die
Leinwand zu bannen. Damit steht sie in ihrer künstlerischen Intention dem
Expressionismus nahe, der auf die Sichtbarmachung des seelischen Ausdrucks
zielte.
Der intuitive und symbolische Umgang der Künstlerin mit der Farbe ist an
diesem Bild sehr schön zu erkennen. Die Lokalfarbe der Häuser, also
ihre Eigenfarbe, tritt in ihrer Bedeutung zurück, auf der Palette
dominiert das Blau: als Farbe des Himmels und des Meeres weist es auf die
Unendlichkeit.
Anhand dieses Werkes können wir den charakteristischen Arbeitsprozess der
Malerin Schritt für Schritt nachvollziehen: vor dem eigentlichen Malen
beginnt Ulrike Sanne mit dem ersten Materialauftrag, der Grundierung. Mit
weißer Farbe oder mit Gesso - einer Grundiermasse - sorgt sie für
eine glatte Malfläche und versiegelt den textilen Untergrund, so dass die
Farbe später nicht aufgesogen wird. Dann skizziert sie mit
Rötelkreide die Konturen des Motivs auf die Leinwand. Manchmal verbindet
sie die Kreide mit einer weiteren Schicht der Grundiermasse, um die spröde
Kreide mit den wasserlöslichen Acrylfarben zu vermischen.
Das Ergebnis sehen wir in
Der weite Blick
an den Konturen der Häuser: die Rötelkreide teilt die
Farbflächen und sorgt für Akzente zwischen den Blautönen.
Stellenweise setzt sie die Kreide auch als Schattierung ein.
Nach der Skizze kommt die Farbe. Die Künstlerin zieht Acrylfarben den
Ölfarben vor die leuchtenden Farben sind wasserlöslich, und
der synthetisch erzeugte Acrylharz trocknet schneller.
Auf den großen Leinwänden arbeitet sie mit pastosem Duktus, eine
Besonderheit ihres Stils. Sie trägt die Farbe großzügig auf und
zieht mit dem Spachtel über die Bildoberfläche; dabei entstehen dicke
Farbschlieren, die in den Raum greifen.
Bei manchen Acrylarbeiten nutzt sie als weiteres gestalterisches Element eine
farbige Lasur. Diese trägt sie mit einem breiten Pinsel auf, legt so
über das Bild eine durchsichtige Struktur, eine Art Schleier, mit dem sie
Partien des Bildes hervorheben kann. Die Pinselschläge bleiben dabei
sichtbar, wie etwa in dem Bild
Alterndes Selbstbewusstsein
.
Wir können also in den großformatigen Acrylarbeiten von dem ersten
bis zum letzten Arbeitsschritt den ganzen Malprozess visuell nachvollziehen.
Sie bezieht die Skizze in das fertige Bild mit ein und betont damit ihre
Bedeutung.
Die mit dem Pinsel gemalten Acrylarbeiten haben den mit dem Spachtel geformten
gegenüber eine andere Qualität - sie sind ruhiger in ihrem Ausdruck,
die Oberfläche ist glatter, der Farbverlauf ist fließender, die
Farbflächen sind klarer voneinander abgegrenzt. Sehen Sie sich die
Arbeiten
Über den Dächern von Walle
und
Ausblick
an, dann sehen Sie das gleiche Motiv in einem ganz anderen Licht.
Variationen ein und desselben Motivs kommen häufiger vor. Die
Künstlerin erzielt sehr unterschiedliche Wirkungen, wenn sie etwa ein
Stilleben als transparentes Aquarell ausführt, oder wahlweise einen fast
schon reliefartigen Farbauftrag wählt.
Auch bei den Portraits experimentiert sie mit den Materialien und dem
Farbauftrag. Neu gegenüber den älteren Arbeiten ist, dass sie in den
Bildnissen persönlicher wird: Blieben ihre Menschen in früheren
Arbeiten anonym, da sie dem Betrachter den Rücken zudrehten oder nur als
Fragment, als Torso dargestellt waren, so wendet sie sich in neueren Werken dem
Individuum zu. Auffallend an den Arbeiten in dieser Ausstellung ist dabei die
Auseinandersetzung der Künstlerin mit der eigenen Person: in dem Bild
Die Drei Kinder
, das Ulrike mit ihren Brüdern zeigt, oder der
Die Teetrinkerin
, die auf der Einladung abgedruckt ist.
Dass die Künstlerin sich bildnerisch der eigenen Person zuwendet, spricht
für ein wachsendes künstlerisches Selbstbewusstsein. Dabei ist es
interessant zu wissen, dass sie bei den Selbstportraits bewusst auf ein Foto
als Vorlage zurückgreift. Beim Malen sieht sie also nicht in den Spiegel,
wie wir es von den Selbstportraits Vincent van Goghs kennen. Ulrike Sanne
empfindet diese Perspektive als starr und sie sagt, dass sie vom Wesen des
Künstlers zu wenig preisgebe. Sie vermittelt uns also ein indirektes Bild
von sich selbst, indem sie sich durch die Perspektive eines Zweiten inspirieren
läßt. Die Freude, Ruhe und Behaglichkeit, die das Selbstportait
Die Teetrinkerin
vermittelt, ist ein lebendiges Ergebnis dieser Arbeitsweise.
Ulrike Sannes aktuelle Bilder zeigen, wie sehr sie sich in den vergangenen
Jahren künstlerisch weiterentwickelt hat. Die Schaffensperiode, in der sie
die Leinwände aggressiv aufriss und sie mit Gips fixierte, eine
düstere Farbpalette entsprechend den mystischen Motiven wählte, ist
vorbei. Heute sehen wir die Werke einer gereiften Künstlerin, die Licht
und Schatten, Sturm und Ruhe in sich vereint und auf der Leinwand lebendigen
Ausdruck gibt. [...]
Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Januar 2001 täglich von 9 Uhr bis 20
Uhr geöffnet.
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